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Daten & Fakten

Warum reagieren Menschen nach sexuellen Grenzüberschreitungen so unterschiedlich?

Menschen reagieren unterschiedlich auf sexualisierte Grenzüberschreitungen: mit Wut, Trauer, Erstarren, äußerer Ruhe – oder erst mit Verzögerung.

Zahlen und Fakten

Alle dargestellten Werte stammen aus den unten aufgeführten Quellen.

Viele Betroffene können sich während eines Übergriffs nicht bewegen

In einer Studie mit 298 Frauen nach einer Vergewaltigung berichteten viele von einer vorübergehenden Bewegungsunfähigkeit.

Berichteten von deutlicher Bewegungsunfähigkeit

70 %

Berichteten von extremer Bewegungsunfähigkeit

48 %

Klinische Stichprobe aus einer Notfallambulanz in Stockholm – die Werte sind nicht ohne Weiteres auf alle Betroffenen übertragbar.

Quelle: Möller et al. (2017), Acta Obstet Gynecol Scand

Belastung ist häufig – eine PTBS entsteht nicht immer

Weltweite Schätzungen der WHO

Erleben mindestens einmal ein potenziell traumatisches Ereignis

rund 70 %

Entwickeln daraufhin eine PTBS

5,6 %

PTBS = Posttraumatische Belastungsstörung. Dabei können nach einem sehr belastenden Ereignis länger anhaltende Beschwerden entstehen, zum Beispiel belastende Erinnerungen, Schlafprobleme, Angst oder Vermeidung. Die WHO weist zugleich darauf hin, dass die PTBS-Raten nach sexualisierter Gewalt besonders hoch sind.

Quelle: WHO – Post-traumatic stress disorder (Fact sheet)

„Warum habe ich mich nicht gewehrt?“

Nicht jeder Mensch kann sich in einer bedrohlichen Situation wehren oder weglaufen. Manche Menschen erstarren vor Angst. Sie können sich dann möglicherweise nicht bewegen oder sprechen, obwohl sie es möchten. Diese unwillkürliche Reaktion wird tonische Immobilität genannt.[1]

In einer Studie mit 298 Frauen nach einer Vergewaltigung berichteten 70 % von deutlicher und 48 % von extremer tonischer Immobilität während des Übergriffs. Die Studie untersuchte eine bestimmte Gruppe von Betroffenen. Die Zahlen gelten deshalb nicht automatisch für alle Betroffenen. Sie zeigen aber, dass Erstarren und Bewegungsunfähigkeit bei einem Übergriff keine ungewöhnliche Reaktion sind.[1]

Sich nicht zu wehren bedeutet nicht, zugestimmt zu haben.

„Warum zweifle ich an meiner Erinnerung?“

Erinnerungen sind keine lückenlosen Videoaufnahmen. Gerade nach sehr belastenden Erfahrungen können Erinnerungen unvollständig oder schwer abrufbar sein. Alkohol oder andere Substanzen können zusätzlich beeinflussen, wie neue Erinnerungen gespeichert, unterschiedlich verarbeitet und abgerufen werden.[2]

Eine Erinnerungslücke bedeutet deshalb nicht, dass etwas nicht passiert ist. Fehlende Teile sollten aber auch nicht einfach als sichere Erinnerung ergänzt werden.

Erinnerungslücken bedeuten nicht, dass nichts passiert ist.

Es gibt keine „richtige“ Reaktion

Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf belastende Erfahrungen. Manche haben Angst, sind wütend oder traurig. Andere fühlen sich zunächst wie betäubt oder machen im Alltag einfach weiter. Manche merken erst später, wie sehr sie das Erlebte belastet.

Mögliche Reaktionen sind zum Beispiel Schlafprobleme, Unruhe, Konzentrationsprobleme, belastende Erinnerungen, Vermeidung, Gefühllosigkeit sowie Schuld- oder Schamgefühle. Diese Reaktionen können sofort auftreten, sich verändern oder erst später beginnen.[4]

Wie stark und wie lange eine Person belastet ist, hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem vom Erlebten, früheren Erfahrungen, dem Gefühl von Kontrolle und der Unterstützung, die eine Person erhält. Soziale Unterstützung kann dabei ein wichtiger Schutzfaktor sein.[4][5]

Es gibt keine „richtige“ Reaktion auf eine sexualisierte Grenzüberschreitung. Jeder Mensch reagiert anders.

Nicht jede belastende Erfahrung führt zu einer PTBS

Belastung nach einem Übergriff bedeutet nicht automatisch, dass eine PTBS vorliegt. Eine PTBS ist eine psychische Erkrankung mit bestimmten Symptomen, zum Beispiel wiederkehrenden belastenden Erinnerungen, Vermeidung und anhaltender Alarmbereitschaft.[4]

Bis zu 40 % der Betroffenen erholen sich innerhalb eines Jahres. Zugleich betont die WHO, dass die PTBS-Raten nach sexualisierter Gewalt besonders hoch sind.[4]

Für Diagnostik und Behandlung in Deutschland ist die S3-Leitlinie „Posttraumatische Belastungsstörung“ maßgeblich, die 2026 in aktualisierter Fassung erschienen ist.[5]

„Warum ging es mir danach zunächst scheinbar gut?“

Eine belastende Erfahrung muss nicht sofort eine klar erkennbare psychische Reaktion auslösen. Manche Menschen funktionieren zunächst weiter, andere fühlen sich emotional distanziert oder vermeiden Gedanken an das Geschehen. Beschwerden können auch erst später deutlich werden.[4]

Eine belastende Erfahrung kann Folgen haben, führt aber nicht automatisch zu einer PTBS.

„Warum empfinde ich Schuld oder Scham?“

Nach sexualisierter Gewalt erleben viele Betroffene Schuld- und Schamgefühle – sie machen sich Vorwürfe, weil sie getrunken haben, mitgegangen sind, nicht reagiert oder einer vertrauten Person vertraut haben.

Das sind keine Einzelfälle, sondern ein gut belegtes Muster: Eine Meta-Analyse mit 53 Studien und über 15.000 Teilnehmenden zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen sexualisierter Gewalt und stärker ausgeprägter Scham – und zwar über verschiedene Altersgruppen und Schamformen hinweg.[3]

Wie das Umfeld reagiert, macht dabei einen großen Unterschied. Wird Betroffenen die Schuld zugeschoben oder stoßen sie beim Erzählen auf negative Reaktionen, übernehmen sie diese oft selbst – und die Selbstvorwürfe und die Scham werden dadurch noch größer.[3]

Schuld und Scham sind häufig – die Verantwortung liegt nicht bei der betroffenen Person.

Was du daraus mitnehmen kannst

Wie jemand während oder nach einer sexualisierten Grenzüberschreitung reagiert, sagt nichts darüber aus, ob die Erfahrung „schlimm genug“ oder glaubwürdig war. Es gibt keine Reaktion, die Betroffene zeigen müssen.

Quellen & weiterführende Literatur
  1. [1] Möller, A., Söndergaard, H. P. & Helström, L. (2017): Tonic immobility during sexual assault – a common reaction predicting post-traumatic stress disorder and severe depression. Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica (n = 298). Zur Quelle
  2. [2] National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism (NIAAA): Interrupted Memories – Alcohol-Induced Blackouts. Zur Quelle
  3. [3] Hassanpour, P., Buchwald, S., Mehta, A. H. P., Goldberg, S. B. & Walsh, K. (2026): Sexual Violence and Shame – A Meta-Analysis. Trauma, Violence & Abuse (53 Studien, N = 15.110). Zur Quelle
  4. [4] Weltgesundheitsorganisation (WHO): Post-traumatic stress disorder – Fact sheet. Zur Quelle
  5. [5] AWMF: S3-Leitlinie „Posttraumatische Belastungsstörung“, Register-Nr. 155-001, Version 7.0 (2026). Zur Quelle

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